Schlüsselfragen


Bei der Entwicklung von Museumsangeboten für Menschen mit Demenz ist es wichtig, die jeweilige Ausgangssituation zu berücksichtigen, in der das Projekt umgesetzt werden soll. Tatsächlich können viele Institutionen am Gelingen solcher Angebote mitwirken und es ist sinnvoll und effektiv, wenn sie in bestehende Netzwerke, beispielsweise von Demenz Dienstleistern, eingebunden werden. Die verschiedenen Partnerländer haben dazu folgende Schlüsselfragen beantwortet:

  1. Demenz: Wie ist die aktuelle Situation in den MA&A Partnerländern?
  2. Was tut sich in der Museums-Szene in Bezug auf Demenz?
  3. Wie können Museen dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern?



1. Demenz: Wie ist die aktuelle Situation in den MA&A Partnerländern?


DEUTSCHLAND

Das Thema Demenz ist in Deutschland in der Gesellschaft angekommen. Es ist in den Medien fast täglich präsent. Bis auf wenige ländliche Regionen, vor allem im Osten Deutschlands, gibt es eine flächendeckende, stationäre, teilstationäre und ambulante Versorgung, sowie Selbsthilfegruppen für Angehörige von Menschen mit Demenz. Die Bundesregierung, sowie die Mehrzahl der Bundesländer haben Demenzstrategien entwickelt. Am 01.01.2017 wurden von der Bundesregierung das Pflegestärkungsgesetz, welches Menschen mit Demenz einen höheren Leistungsanspruch zusichert, sowie ein Gesetz zur Förderung der Teilhabe, in Kraft gesetzt.

Viele Initiativen entwickeln spezifische Betreuungs-, sowie kulturelle Angebote. Nicht desto Trotz ist die Teilhabe von Menschen mit Demenz am gesellschaftlichen Leben weiterhin sehr stark eingeschränkt. Es gibt in Deutschland z.Z. noch so gut wie keine Bestrebungen inklusive und partizipative Angebote zu entwickeln und durchzuführen.


IRLAND

In Irland leben etwa 48.000 Menschen mit Demenz, wovon mehr als die Hälfte an Alzheimer leidet. Laut der Studie "Prävalenz von Demenz in Irland" von Suzanne Cahill und Maria Pierce soll diese Zahl bis 2046 auf über 153.000 anwachsen. Die Mehrheit (63%) der in Irland von Demenz betroffenen Menschen lebt zu Hause und es gibt schätzungsweise 50.000 speziell für Demenz geschulte Krankenpfleger /Innen. Im Jahr 2014 veröffentlichte die irische Regierung eine nationale irische Demenz Strategie. Ihr Ziel ist es, für das Thema zu sensibilisieren, eine frühzeitige Diagnose und Intervention zu gewährleisten und erweiterte, kommunale Dienstleistungen zu entwickeln, wobei die Umsetzung zwischen 2014 und 2017 geplant war. Der Schwerpunkt liegt auf der rechtzeitigen Diagnose von Demenz und der Frühintervention, einhergehend mit dem Ziel, bei der irischen Bevölkerung generell mehr Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu schaffen, sowie für die Beiträge, die sie weiterhin zu unserer Gesellschaft leisten. „Demenz Gemeinsam Verstehen“ war eine Kampagne zur Sensibilisierung für Demenz, die im Oktober 2016 als öffentliche Unterstützungs-, Sensibilisierungs- und Informationskampagne startete. Sie wurde vom „Health Service Executive“ geleitet und kooperierte mit der irischen Alzheimer Gesellschaft und „Genio“, einer Koalition aus über 30 Partnern aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheit sowie Freiwilligen und verschiedenen Gemeinden.


ITALIEN

In Italien gibt es seit 2015 einen nationalen Demenzplan, der Strategien zur Förderung angemessener, diagnostischer und therapeutischer Interventionen definiert: "Es gibt gute professionelle Angebote neben anderen, bei denen es absolut notwendig ist, Qualität zu sichern. Jede Region ist anders organisiert und es gibt sowohl quantitative als auch qualitative Unterschiede im Bereich der Diagnose- und der Behandlung. Oft mangelt es an der Verbindung und der Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern, Hausärzten, Gemeindediensten und integrierter häuslicher Pflege, was wahrscheinlich zu einem Mangel an Verantwortlichkeit und Kontinuität in der Versorgung führt. "

Die PND empfiehlt "die Einführung psychosozialer Therapien, um die Beziehung zum Patienten zu verbessern"; und Maßnahmen für "die Verbesserung der Aktivitäten von Pflegepersonen. Diese werden durch Angehörigen-Organisationen organisiert" – dafür gibt es aber keine zusätzlichen Ressourcen.


LITAUEN

In Litauen wurde erst im Jahr 2008 die fortgeschrittene Demenz als eine besondere Einschränkung von Hausärzten anerkannt. Litauen hat keine Demenzstrategie. Es gibt einen signifikanten Mangel an spezifischem Wissen zum Thema Demenz sowohl im sozialen, als auch im pflegerischen, medizinischen und häuslichen Bereich. Obwohl die meisten der angebotenen Dienstleistungen öffentlich sind, ist die Angemessenheit und Zugänglichkeit der Angebote für Menschen mit Demenz sehr begrenzt und es gibt für Betroffene kaum Möglichkeiten, an sozialen Aktivitäten teilzunehmen. Es gibt keine psychologische Unterstützung und keine speziellen Hilfen zur Unterstützung von Betreuern. Nur wenige NGOs bieten Beratungsdienste für Menschen mit Demenz und ihre Betreuer an.



2. Was tut sich in der Museums-Szene in Bezug auf Demenz?


DEUTSCHLAND

Sehr viele Museen in Deutschland haben spezifische Angebote für Menschen mit Demenz. Die Palette ist dabei vielfältig, da die meisten Museen zwar auf die Erfahrungen anderer Museen zugreifen, dann daraus aber ihre eigenen Angebote entwickeln. Eine Vernetzung der Museen zu diesem Thema ist mit Ausnahme der RuhrKunstMuseen im Bundesland Nordrhein Westfalen, bisher nur rudimentär gegeben. Einmalig in Deutschland haben sich hier 11 Kunstmuseen mit den sozialen Partnern der Region flächendeckend vernetzt.

http://www.ruhrkunstmuseen.com/kunstvermittlung/angebote-fuer-menschen-mit-demenz.html

Auffallend ist, dass in mehreren Museen, die Führungen für Menschen mit Demenz anbieten, diese Angebote nicht auf deren Homepages zu finden sind. Zudem bieten nur ein Teil der Museen öffentliche Führungen für Menschen mit Demenz an. Der Bundesverband Museumspädagogik greift das Thema Demenz vereinzelt in der Fachgruppe „Generation 60+“ auf.


IRLAND

Museen und Galerien in ganz Irland werden sich zunehmend der Notwendigkeit bewusst, demenzfreundliche Angebote zu entwickeln. Das Azure-Netzwerk ist das größte Netzwerk von Museen und Galerien, das sich auf demenzfreundliche Vermittlungsformate spezialisiert hat. Es wurde 2012 gegründet, inspiriert durch das Projekt "Meet Me at MoMA“ und besteht aus einer Zusammenarbeit von „Age & Opportunity“, der irischen Alzheimer Gesellschaft, der Butler Gallery in Kilkenny und dem Irischen Museum für Moderne Kunst IMMA in Dublin. Das Azure-Projekt zielt darauf ab, Menschen mit Demenz in öffentlichen Kunst- und Kultureinrichtungen aktiver einzubeziehen, sowie zur Beseitigung von Barrieren und damit zu einer stärkeren Teilhabe in den Kommunen beizutragen. Im Jahr 2015 wurde das Azure-Netzwerk auf zahlreiche nationale Veranstaltungsorte ausgeweitet. Neben den Gründerorganisationen schlossen sich folgende Institutionen an: das „Arts & Disability“ Forum in Nordirland, die Chester Beatty Library in Dublin, die Crawford Kunstgalerie in Cork, das DLR-Lexikon, das Kunsthaus Dun Laoghaire Rathdown County Council, das Kunstzentrum Galway, die Highlanes Galerie, Drogheda, das Jagdmuseum in Limerick, das Dublin City Arts Office LAB, die Luan Galerie in Athlone, die Nationalgalerie in Dublin und das Kunstzentrum West Cork. Die Netzwerkpartner treffen sich zweimal jährlich und wollen ihr Netzwerk im Jahr 2018 weiter ausbauen.


ITALIEN

Museumsangebote für Menschen mit Demenz sind in Italien noch relativ neu. In 2010 war die Nationalgalerie für Moderne Kunst in Rom das erste Museum, das ein solches Angebot institutionalisierte. Die Museen in Florenz folgten kurz darauf: der Palazzo Strozzi (2011) und das Marino Marini Museum (2012), sowie zwölf weitere Museen in der Toskana, die sich nach einer Schulung im Jahr 2014 zusammenschlossen. Heute ist die Toskana die Region in Italien mit den meisten Museumsangeboten, die sich an Menschen mit Demenz richten. Trotz eines wachsenden Interesses der Museen sind kontinuierliche Angebote landesweit noch immer nicht weit verbreitet.


LITAUEN

Der Kultursektor in Litauen bemüht sich vor allem darum, für Menschen aus sozial ausgegrenzten Gruppen bessere Zugänge zu Kunst und Kultur zu schaffen. Es gibt einen erheblichen Mangel an Unterstützungsangeboten für Menschen mit Demenz und ihre Betreuer und keine demenzfreundlichen Kommunen, weswegen Betroffene und Begleiter ein hohes Maß an sozialer Isolation erleben. In 2014 und 2015 fand zu diesem Thema in den beiden größten Städten Litauens zum ersten Mal ein Fortbildungsprogramm statt ("Susitikime muziejuje-Treffpunkt Museum“), das sich an Kunstvermittler und Koordinatoren richtete. Infolgedessen haben einige Museen spezielle Angebote für Menschen mit Demenz entwickelt. Der Museums Szene fehlt es jedoch immer noch an professioneller Auseinandersetzung mit diesem speziellen Publikum.



Wie können Museen dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern?


DEUTSCHLAND

Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und das Erfahren von „Normalität“ ist ein großes Bedürfnis vieler Menschen mit Demenz. Im Gegensatz zu demenzspezifischen Betreuungsangeboten, können Museen genau dies bieten und tragen damit im hohen Maße zur Lebensqualität von Menschen mit Demenz bei.

Im Museum und speziell beim Betrachten von Kunst spielt Demenz keine Rolle. Kunst ist vielschichtig und bietet daher auch auf einer nichtkognitiv geprägten Ebene die Möglichkeit der Auseinandersetzung, sowie einen an der Wahrnehmung orientierten Kommunikationsraum. Eine an der Wahrnehmung orientierte Kommunikation ist unabhängig von kognitiven Kompetenzen, hierarchiefrei und ermöglicht damit eine gleichberechtigte Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Demenz.


IRLAND

Museen bieten Menschen, die mit Demenz leben, die Möglichkeit sich mit bildender Kunst auseinanderzusetzen, die ihnen ideale Gesprächsanlässe bietet, da die Teilnehmer nicht auf das Erinnern angewiesen sind. Sie können vielmehr auf die gegenwärtige Wahrnehmung, sowie auf ihr momentanes Denken und Fühlen zurückgreifen. Kunst betrachten kann eine transformative Erfahrung sein. Die Kunst kann bewegen, zum Nachdenken oder Fragen stellen anregen. Demenzfreundliche Museumsangebote geben Menschen mit Demenz, sowie ihren Begleitern, Angehörigen, Freunden oder professionellen Betreuern die Möglichkeit, gemeinsam das Museum zu besuchen und Momente zu schaffen, in denen sie nicht "Demenzkranke und ihre Betreuer" sind, sondern wieder Sohn, Vater und Tochter, Schwester und Bruder.


ITALIEN

In Italien gibt es für Menschen mit Demenz insgesamt immer noch wenige Möglichkeiten, am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. Es ist sehr wichtig, Angebote zu machen, die es den Betroffenen erlauben, sich frei zu äußern ohne stigmatisiert zu werden und die ihre Fähigkeiten fördern. Aktivitäten, die neue und unterstützende Kommunikationsmethoden ermöglichen und an denen sie zusammen mit Familienangehörigen oder professionellen Betreuern teilnehmen können. Alle Museen und insbesondere Kunstmuseen könnten dabei eine wichtige Rolle spielen, da die Auseinandersetzung mit Kunst den Betroffenen Erfahrungen auf unterschiedlichen kognitiven Ebenen ermöglicht, auch solchen, die weniger durch die Demenz eingeschränkt werden. Museen, die ihre soziale Rolle im öffentlichen Raum wahrnehmen, in dem gemeinsame, kollektive Identität definiert wird, können dazu beitragen, eine Gemeinschaft zu schaffen, die Menschen mit Demenz versteht und einbezieht.


LITAUEN

Museen können dabei helfen, soziale Isolation zu überwinden, indem sie einen Zugang zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eröffnen. Das multisensorische Museumsangebot „Treffpunkt Museum - Susitikime muziejuje“ hat gezeigt, dass Museumsbesuche für Menschen mit Demenz und ihre Familienangehörige eine außergewöhnliche Gelegenheit darstellten, um dem Alltag und der täglichen Routine zu entkommen. Die Aktivitäten vor den Werken boten Gelegenheiten zu Gesprächen und hatten einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden. Die Besucher mit Demenz beschrieben ihre Museumserfahrungen als „positiv“, „erhebend“, „interessant“, „Gemeinschaftserlebnis“, „im eigenen Tempo“. Die Teilnehmer wünschten sich, dass Museumsbesuche zu ihrem Alltag gehören sollten.

Zuletzt geändert: Donnerstag, 9. November 2017, 07:53